Der Untergang der Joola

Gestern, am 26.09.2020 jährte sich der Untergang des Schiffes, die Joola zum 18. mal. 18 Jahre sind seither vergangen, seit mehr als 1860 Menschen mit dem Schiff unter gegangen sind, welches auf dem Weg von Ziguinchor, Casamance nach der Hauptstadt Dakar war. Bei jedem Jahrestag, in all den Jahren, bis heute fühle ich diese Trauer von damals, als wäre es gestern gewesen. Den folgenden Text hatte ich am 20.11.2002 geschrieben. Er ist auch heute noch genau so aktuell wie damals:

Das Unglück mit der Joola hat uns alle recht stark aus der Bahn geworfen. Hunderte von Menschen sind bei dem Unglück umgekommen, niemand in Senegal, der nicht betroffen gewesen wäre. Trauer war und ist allgegenwärtig, auch wenn das Leben inzwischen wieder in den gewohnten Bahnen läuft.

Da ist der besagte Freitagmorgen, der 27. September 2002. Zuerst nur eine kleine Nachricht morgens um 07h, dass das Schiff verschwunden ist. Zwei meiner Gäste, ein junges Paar, sollten mit dem Schiff zurückkommen. Sofort die bange Frage: sind sie auf dem Schiff? Ich versuche an Informationen heran zu kommen. Stündlich werden die Nachrichten gehört. Eine Stunde später ist klar, das Schiff ist gekentert. Gibt es Überlebende? Wie so viele fahre ich in die Stadt, zum Hafen. Der Anblick dort ist erschütternd: Hunderte von Menschen. Alle mit sorgenvollen, hilflosen Gesichtern. Einige weinen, andere gestikulieren, wieder andere sitzen einfach da und warten auf Neuigkeiten. Informationen kommen kaum durch. Keiner weiss in den ersten Stunden was wirklich los ist. Später am Nachmittag die Meldung, dass 64 Personen lebend gefunden wurden, aber es dauert Tage bis die Liste dieser Personen freigegeben wird. Die Suche nach Überlebenden geht weiter. Wie viele waren auf dem Schiff? Es gibt keine Passagierlisten. Erste Zahlen schätzen dass es vielleicht 600 Menschen waren. Dann kommen die ersten Angaben über die gefundenen Leichen. Deren Anzahl ist bereits zu Beginn bedeutend höher als die Anzahl der Überlebenden. Doch die Hoffnung ist noch wach. Vielleicht hat ein Angehöriger oder ein Freund überlebt? Vielleicht finden sich noch andere Überlebende? Gegen Abend dann für uns die Gewissheit, dass unser junges Paar wirklich auf dem Schiff war. Noch trägt uns die Hoffnung, dass sie überlebt haben. Die Schweizer Botschaft ist über das junge Paar im Bilde, sie versprechen uns sofort zu informieren, falls sie Neuigkeiten haben. Bei jedem Telefon schrecken wir hoch, scharen uns darum. Eine gute Nachricht? Leider kommt die erlösende Nachricht vom Überleben der jungen Leute nie.

Am Sonntagmorgen geben wir traurig und verzweifelt die Hoffnung auf. Es werden keine weiteren Leichen mehr gefunden, von Ueberlebenden gar nicht zu reden. Der grösste Teil der Menschen sind im Schiff eingeschlossen geblieben, konnten sich nicht retten. Inzwischen ist klar, dass auf dem Schiff über tausend Menschen gewesen sind.  In den folgenden Wochen steigen die mutmasslichen Zahlen auf 1’500, ja sogar auf  2’000. Die Zahl der Ueberlebenden ist seit dem ersten Tag nicht grösser geworden. Es haben gerade mal 64 Menschen überlebt. Ein nationales Drama, eine Tragödie gewaltigen Ausmasses. Am Hafen, an den Gebäuden werden die Fotos der Vermissten immer zahlreicher. Hunderte von Fotos, ganze Hauswände voll, Tausende von Menschen, die warten, trauern, weinen. Die Stadt, das ganze Land sind gelähmt. Alles wirkt seltsam grau. Selbst die Sonne hat an Kraft verloren. Wir fühlen weder ihre Wärme, noch sehen wir ihr Licht. Das Leid wird gemeinsam getragen. Ich werde von fremden Leuten umarmt, in diesem Moment sind wir alle vereint im Schmerz. Es existiert kein Unterschied in der Hautfarbe oder der Herkunft. Viele Freunde haben ihre Lieben verloren, wo ich hinkomme ist Trauer. Manchmal Ausbrüche der Wut. Das Schiff wurde überladen, war nicht in Ordnung, ein Motor funktionierte nicht, die Katastrophe hätte verhindert werden können……..

Wut und Schreien nützen im Moment, doch helfen sie uns nicht weiter. Es ist schwierig, zu akzeptieren, dass alle diese Menschen nicht zurückkommen, nicht mehr leben. Ihre Körper sind in der Joola eingeschlossen, die Joola, ein riesiger Sarg……..

Am Sonntagmorgen dann ein Telefon. Ich kann es nicht fassen! Einer meiner Freunde aus der Casamance hat das Unglück überlebt. Doch seine Freundin ist dabei umgekommen. Ich besuche ihn noch am selben Tag im Spital. Ein ergreifender Moment: es ist als könnte ich, indem ich ihn in meine Arme schliesse, alle auf dem Schiff gebliebenen Menschen mit umarmen. Ich stehe vor ihm und versuche zu begreifen, dass er überlebt hat. So geht es auch ihm. Er fragt immer wieder, warum geade ich? Einige Tage später kommt er zu mir nach Hause. Ich darf ihn begleiten, ihm zuhören und ihn unterstützen, bis er mit der Leiche seiner Freundin nach Frankreich reisen kann. Seine Erzählungen lassen immer wieder diesen Alptraum, den er lebte auferstehen. Ich teile ihn mit ihm, erlebe mit ihm was auf der Joola geschehen ist. Gesichter tauchen auf, Menschen denen er begegnete, Augenblicke, die er lebte. Es ist als würde sich ein Teil seiner Erinnerungen in meine Erinnerungen einpflanzen. Noch heute stehen die Bilder seiner Erzählungen deutlich vor mir. Scenarien, einem Katastrophen-Film gleich, doch dies ist die harte Wirklichkeit. Da gibt es kein Filmende, danach gemütlich einen Kaffee trinken…. Ich bin erschüttert, kann dadurch jedoch besser den Tod der beiden jungen Leute und all der andern Menschen, die umgekommen sind begreifen, akzeptieren.

Lange noch sind wir alle gefangen in diesem Drama. Die Tage schleppen sich dahin, das Licht ist verschwunden. Ich sehe durch eine andere Brille, sie ist seltsam farblos. Doch ist da immer wieder diese offene Anteilnahme, das von Tausenden geteilte Leid. Das bindet mich fester an dieses Land, meine jungen Wurzeln wachsen mit Macht. Ich fühle mich hierher gehörig, werde überall mit offenen Armen empfangen, wie auch ich dasselbe tue. Respekt und Anteilnahme sind allgegenwärtig. Trauer auf afrikanisch. Auch das ein tiefes, ergreifendes Erlebnis.

Liebe Freunde, verzeiht mir diese Zeilen. Ich hatte einfach das Bedürfnis, Euch an einer sehr schwierigen Episode meines Lebens hier in Senegal teihaben zu lassen. Inzwischen ist wie gesagt der Alltag wieder eingekehrt. Die Menschen hier lachen und freuen sich wieder. Noch oft wird über dieses grosse Unglück gesprochen. Ich selber hoffe, dass den Familien der Opfer auch wirklich die ihnen versprochene Hilfe zukommen wird. Hoffe auch, dass nun nicht nur über die anzustrebende, bessere Sicherheit im öffentlichen Verkehr gesprochen wird, sondern dass auch etwas untenommen wird. Vieles liegt hier diesbezüglich noch im Argen. Sicherheit im öffentlichen Transport ist ein unbekanntes Wort. Dazu fehlen schlicht die Mittel und die Möglichkeiten. Wir alle hoffen, dass sich dies nun langsam zum Guten wenden wird. Insh Cha Allah!

(Mme. Ruth, 20.Nov.2002)

Mme. Ruth, 27.09.2020

5 Antworten auf “Der Untergang der Joola”

  1. Herzergreifend..man fühlt mit und es kommen mir so viele ähnliche Momente in denen ich mir liebe Menschen verloren habe in den Sinn.Wenn dich der Himmel in uns selbst verdunkelt.

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  2. Liebe Ruth,
    Ich empfinde es nach, ich fühle es, eine Tragik. Immer wieder ein Teil des Lebens, wenn das Schicksal zuschlägt. Der Mensch muss und kann es überwinden, aber Spuren bleiben.
    Auch die Hoffnung bleibt, die Kraft zu überleben.

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    1. Lieber Konrad
      Sehr schön haben Sie das geschrieben! Genau so ist es, das Leben.
      Ich hoffe, es geht Ihnen und Ihrer Familie gut.
      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar, den ich als Kompliment betrachte.
      Ihre Mme. Ruth

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