Fluchtursachen im Senegal

Ich wurde gefragt, welche Gründe die senegalesische Bevölkerung haben könnte, nach den Industriestaaten zu fliehen. In der Folge habe ich versucht, darauf aus meiner Sicht Antwort zu geben. Sicher ist mein Text nicht vollständig, habe ich vielleicht nicht alle Gründe erwogen. Man möge es mir verzeihen. Das Thema ist sehr komplex. Nicht berücksichtigt habe ich zum Beispiel die Gründe aufgrund des Klimawandels, welcher im Senegal bereits sehr stark zu spüren ist.

Zum einen kennt auch der Senegal enorm viele Probleme durch räuberische Konzerne. Hier ein paar Beispiele:

  1. Internationale Fisch-Trailer fischen die fischreichen Bestände vor der Küste leer. Oft kommen sie auch in die Hoheitsgewässer des Senegal. Die Fischer mit ihren Piroggen kommen in den letzten Jahren oft leer zurück. Sie können ihre Familien nicht mehr ernähren. Einige haben sich zusammengeschlossen, um gegen diese räuberischen Fischgiganten vor zu gehen, doch haben sie mit ihren kleinen Piroggen keine Chance. Es gab schon etliche Tote. Die Syndikate kämpfen gegen eine Freigabe von weiteren Lizenzen für diese grosse Trailer. Manchmal mit Erfolg, doch oft ohne rechte Chance, da diese durch ein Hintertürchen wieder zu ihren Lizenzen kommen. Ein ständiges Thema, ein dauernder Kampf. Oft wählen sie dann den Weg über das Meer, in der Hoffnung, in Europa Arbeit zu finden, damit sie ihre Familien ernähren können. Zu den Internationalen Trailern gehören Schiffe aus China, Japan, Frankreich, Spanien und Deutschland.

2. Gerade werden Alternativen zum normalen Benzin gesucht. Einige Firmen haben sich bereits auf Bio-Diesel spezialisiert. Doch Bio-Diesel braucht Anbauflächen. Diese werden meist in der 3. Welt gesucht. Dies führt dazu, dass Ackerland, welches zur Ernährung der Bevölkerung dient, annektiert wird und für diesen Bio-Diesel-Anbau benutzt wird. Vor ca. 3 Jahren wurden im Norden des Senegal ca. 1000 Bauern enteignet. Das heisst, auf einen Schlag haben 1000 Familien keine Lebensgrundlage mehr. Auch wenn man ihnen vielleicht eine Siedlung angeboten hatte, so haben sie dort doch keinen Lebensunterhalt. Ihnen bleibt nichts Anderes, als ihr Glück anderswo zu suchen. Die jungen Männer gehen nach Marokko, wo sie versuchen Arbeit zu finden. Viele wollen jedoch weiter nach Europa. Durch ihren illegalen Status sind sie auch hier der Willkür der Ordnungskräfte ausgeliefert. Auch geraten sie in die Fänge von Marokkanischen Schleppern, welche ihr Geld nehmen, sie jedoch dann in eine Falle führen, wo sie zusammengeschlagen, umgebracht und ausgeraubt werden. Oft werden sie auch von den Militärs in der Wüste ausgesetzt, wobei sie oft kaum eine Chance haben, zu überleben. Andere durchqueren die Wüste Richtung Libyen und Algerien. Was ihnen im Bürgerkriegs-Land Libyen blüht, ist allgemein bekannt.

3. Im Süden des Senegal, in der Casamance wurden am Strand Vorkommen von Zirkon gefunden. Dieses Element braucht die westliche Welt für den Bau ihrer Elektronik-Waren. Es sind nun massive Bestrebungen im Gange, dieses Zirkon ab zu bauen. Dies würde jedoch die Strände (sehr touristisch) und auch diesen ganzen Küstenstrich zerstören. Durch den Abbau der Dünen, welche das Land dahinter vor der Versalzung schützen, würden grosse Gebiete versalzen. Hierbei handelt es sich um Brunnen in den Dörfern, um ganze Gemüse- und Reisanbau-Gebiete. Auch hier würden die Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Und das an der gesamten Küste der Casamance (über 100 km lang, etliche Kilometer ins Landesinnere). Zudem würde eines der schönsten touristischen Gebiete des Senegal zerstört. Umwelt würde vernichtet und ganze Oekosysteme zerstört. Die senegalesische Bevölkerung kämpft dagegen an, bislang hatten sie Erfolg, der Präsident hat den Abbau gestoppt. Leider erst mal nur vorübergehend. Hierbei handelt es sich um ein grosses Gebiet mit vielen Tausend Menschen. Wo diese versuchen werden hin zu gehen, scheint klar zu sein.

4. Auch die Chinesen zerstören wacker Lebensraum, Umwelt und Natur. Schlimm vor allem sind ihre Fischmehl-Fabriken. Sie brauchen das Fischmehl, um ihre Fischzuchten in China zu füttern. Auch sie fischen die senegalesischen Fischgründe leer. Hinzu kommt, dass diese Fischfabriken extreme Umweltverschmutzer sind, da sie keinerlei Auflagen respektieren. Zum Glück wurden schon etliche geschlossen. Im Umfeld dieser Fabriken wird die Natur durch Fischabfälle und stinkende Abwässer belastet. Zum Beispiel die illegale Fischfabrik in Abene, Casamance: Der Strand dient seit jeher den grossen Meeres-Schildkröten als Eiablage und Brutplatz. Diese wurden jedoch durch die Fabrik dermaßen zerstört, dass ganze Generationen von Schildkröten-Babys elend zugrunde gingen. Diese Wasserschildkröten sind sehr nützlich und wichtig für das Oekosystem im Meer. Durch ihr Fehlen würde ebenfalls der Fischbestand reduziert. Was wiederum die Fischer betreffen würde. Zum Glück wurde, dank dem Widerstand der Bevölkerung, diese Fabrik geschlossen.

Soweit ein paar Beispiele. Die Liste wäre noch sehr viel länger. Lassen wir es damit bewenden.

Zum andern gibt es natürlich auch Probleme innerhalb der Regierung oder von Seiten der Bevölkerung:

  1. Viele Politiker und Funktionäre sind korrupt und denken lediglich an ihr eigenes Wohl. Dadurch bremsen sie eine gute und effiziente Entwicklung im Senegal. Dagegen ist kaum ein Kraut gewachsen. Die Bewohner sind die Leidtragenden. Allerdings ist hier auch zu sagen, dass Großkonzerne oft diesen Weg gehen und eben korrumpieren. Das Geld dafür kommt wiederum aus den Industriestaaten. Zunehmend beginnt sich die Bevölkerung gegen solche Machenschaften zu wehren. So zum Beispiel gegen den immensen, illegalen Holzschlag in der Casamance durch die Chinesen, welcher bereits hunderte von Hektaren Wals zerstört hat.

2. Ebenso ist natürlich auch unsere Regierung nicht frei, zu tun und zu lassen, was sie gerne möchte. Zum einen ist sie eingebunden in grosse Abhängigkeiten gegenüber den Industriestaaten. Oft ist sie gezwungen, wenig vorteilhafte Verträge zu unterschreiben. Der Senegal ist vor allem abhängig von Frankreich. Aber auch von vielen anderen (z.B. USA, Spanien, England, Deutschland, Schweiz). Auch die Chinesen treiben ihr Unwesen im Lande.

3. Dann ist da noch der Mythos Europa oder USA. In der Vergangenheit waren viele Senegalesen in Europa oder den USA und konnten es dadurch zu Ansehen im Lande bringen. Sie bauten Häuser für ihre Familien, sandten monatlich Geld an die Familie, bauten unter Umständen sogar einen Familienbetrieb auf, importierten Autos, schickten ganze Container mit Waren ins Land. usw. usw. Die Summe aller Zahlungen durch Expat-Senegalesen im ganzen Land ist grösser, als die Summe aller internationalen Gelder für Entwicklungshilfe! Inzwischen geht es jedoch auch Europa nicht mehr so gut. Es gibt kaum noch Möglichkeiten für einen nicht spezialisierten Senegalesen. (hiermit meine ich Frauen und Männer!) Oft sprechen diese Migranten nicht einmal die Landessprache, sind Analphabeten. Doch das Eldorado Europa spukt weiterhin durch die Köpfe dieser Menschen. Vor allem aus den sozial schwachen Schichten. Hier sind es oft die Mütter, welche ihre Söhne nötigen, in eine Pirogge zu sitzen oder den Weg durch die Wüste auf sich zu nehmen. Diese Frauen wollen auch einen Sohn in Europa oder den USA haben, der ihnen Geld schickt. Der Druck auf diese jungen Männer ist gross. So versuchen es viele. Allerdings betreffen diese Hintergründe lediglich einen kleinen Teil aller Flüchtlinge.

Hoffnung bei all dem gibt uns eine junge, aufgeweckte und aufgeklärte Generation. Sie sind gut ausgebildet, sind gut informiert und kennen mittlerweile die Chancenlosigkeit in den Industriestaaten. Gleichzeitig macht sich auch eine gewissen Emanzipations-Bewegung im Lande bemerkbar. Immer mehr, vor allem junge Menschen, wollen gar nicht mehr nach Europa. Sie wollen im Lande bleiben. Hier etwas aufbauen und im Senegal Familien gründen. Sie glauben an eine Zukunft in ihrem Heimatland und sind sehr engagiert. Auf dieser Generation ruhen alle Hoffnungen für einen besseren Senegal, ein besseres Afrika.

Ebenfalls bereits im Gange sind Aufklärungsbemühungen in den Medien. Im Fernsehen gibt es immer wieder Dokumentarfilme, welche sich mit dem Problem der illegalen Migration beschäftigen. Dabei sind sie realitätsnah inszeniert. Wir können heute davon ausgehen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung im Senegal bereits aufgeklärt ist, was in Europa und den USA passiert. Außerdem sind Senegalesen sehr gut vernetzt im Internet. Die meisten haben Zugang zu Informationen aus der ganzen Welt. Dass immer noch Leute an den Mythos Europa = Eldorado glauben, hängt auch mit der starken, mystischen Tradition im Senegal zusammen. Der Glaube, dass mit Magie viele Probleme zu regeln sind, hält sich hartnäckig in der Bevölkerung. Er wird es auch noch lange bleiben.

Wenn Europa also etwas gegen diese grossen Flüchtlingsströme tun möchte, dann sollten solch ausbeuterische Praktiken unterbunden werden. Afrika sollte eine Chance bekommen, sich selbst zu heilen. Für das eigene Volk ein zu stehen. Bildung und Umweltschutz sollten massiv gefördert werden. Nur gut ausgebildete, informierte Menschen können das Land weiterbringen.

Dakar, 15.09.2020 Mme. Ruth

7 Antworten auf “Fluchtursachen im Senegal”

    1. Was Sie hier sagen, entspricht genau auch meinen Ueberlegungen. Ich bin Schweizer und lebe seit vielen Jahren in Aegypten. Bin aber in meinem Leben sehr viel gereist, nicht nach Spanien an den Ballermann oder aan andere touristische Orte, und habe dadurch viele Entwicklungsländer bereist. Senegal kenne ich nicht, aber Senegal ist nur ein Land von vielen ähnlich gelagerten Ländern. Und immer wieder wird gesagt, man könne nicht helfen, da die geleisteten Zahlungen immer in korrupten Kanälen verschwinden. Dafür sind aber wir selber verantwortlich. Es müssen Projekte finanziert werden, die vielleicht dem Lieferland kein Profit abwirft. aber beiträgt, die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland zu verbessern und andererseits Einkommen für die Leute generieren hilft. Und wenn man einzelne Projekte der westlichen Länder im Detail anschaut findet man sehr viele, die die eben aufgezählten Ziele verfehlen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Unfähigkeit vieler Regierungen, sinnvolle Projekte auszuloten und sie dann aber auch sehr eng zu begleiten. Ein zweites Ziel muss sein, die weltweiten Konflikte in den einzelnen Ländern zu beenden. Dies kann nicht unter Drohungen und Druck auf die einzelnen beteiligten Parteien geschehen. Hier muss Diplomatie und viel Fingerspitzengefühl und Ueberzeugungskraft angewendet werden. Die dafür notwendigen Mediatoren und Vermittler müssen aus neutralen Ländern rekrutiert werden und nicht aus Ländern, die in die Konflikte selbst direkt oder indirekt involviert sind. Solche Länder findet man in Skandinavien, dazu gehört die Schweiz und Oesterreich, nicht aber Deutschland, Frankreich, Russland und schon gar nicht die USA. Mit diesen zwei vorgeschlagenen Massnahmen kann das Flüchtlingsdrama nicht ganz aber massiv entschärft werden.

      Gefällt 2 Personen

      1. Danke Herr Ginter für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass auch die Industriestaaten mehr erreichen könnten, als sie bisher geschafft haben. Ich weiß auch sehr konkret, dass z.B. Deutschland gerade dabei ist, nachhaltige Projekte zu eruieren mit dem Ziel, diese finanziell zu unterstützen. Diese Prozesse sind jedoch nicht so schnell gemacht wie der Bau eines Stacheldrahtzaunes, oder das Bezahlen einer Spezialeinheit an den Grenzen Europas.
        Trotzdem bin ich auch sehr davon überzeugt, dass wir auch den afrikanischen Staaten mehr zutauen sollten. Europa sollte anfangen, Afrikanische Staaten als Partner an zu sehen und nicht als Ausbeutungsobjekte mit fadenscheinigen Verträgen. Dazu müsste jedoch die ganze Schuldenlast und damit die Abhängigkeit ebenfalls geregelt werden.
        Die Situation ist heute dermaßen komplex und verwoben. Alles hängt zusammen. Ich für mich zweifle daran, dass die Profitgier der Industriestaaten nachlassen wir. Im Gegenteil. Und dass dies immer grössere Flüchtlingsströme auslösen wird, ist uns allen klar.
        Ihre Mme Ruth

        Gefällt 1 Person

  1. Sehr gut geschrieben. 👍 Aber ich habe eine Frage in welcher Stadt in Marokko gehen Milizen Banden mit Macheten los und metzeln Schwarzafrikanischer nieder ? Ich wohne seit 13 Jahren in Marokko und habe sowas noch nie gehört. Welche Quelle benutzten sie ? In Marokko wollen sicher über 98 % nach Europa. Denn Marokko hat ja schon für das eigene Volk zuwenig Arbeit. Liebe Grüsse Roland

    Like

    1. Guten Morgen Roland Valli

      Zuerst möchte ich mich entschuldigen, dass ich soooo spät reagiere. Ihr Kommentar ist mir unter den Tisch gefallen, wie man so schon sagt. Bitte entschuldigen Sie.

      Ich kann Ihre Reaktion verstehen, und genau kann ich heute leider nicht mehr auf Ihre Frage antworten. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich Senegalesen kenne, die damit konfrontiert waren und mit viel Glück eine solche Attake überlebt hatten. Sie wurden dann, wie es üblich ist, ins Gefängnis gesteckt, wo sie die Familie mit viel Mühe wieder frei gekauft hatte. Sie kamen dann zurück in den Senegal.

      Es sind Betroffene, die mir dies erzählt haben und ich habe keine Veranlassung, an ihren Worten zu zweifeln.

      In der Hoffnung, dass meine Antwort nicht viel zu spät ist, sende ich Ihnen herzliche Grüsse aus dem schönen Senegal.

      Mme. Ruth

      Like

  2. Sie haben natürlich recht mit Ihrer Einschätzung, dass die Profitgier der Industrieländer nicht abnehmen wird. Die finanzielle Belastung und Verschuldung der einzelnen Staaten wegen der Coronapandemie nimmt ja unglaubliche Masse an und das wird sich auch in der Entwicklungshilfe entsprechend manifestieren. Zwar traue ich den afrikanischen Staaten einiges zu, bin aber aufgrund eigener Erfahrung der M einung, dass grössere Projekte in Afrika sehr eng von zur Verfügung gestellten Experten und Spezialisten begleitet werden müssen, natürlich unter Einbezug der lokalen Bevölkerung. Ich habe gelernt, dass die afrikanische Bevölkerung sehr wohl zu begeistern und zu motivieren ist, wenn man das diplomatisch und geschickt anstellt. Ich habe aber leider die Erfahrung gemacht, dass sehr oft die Projekte nur halbherzig begleitet werden und dabei dann auch die unterschiedliche Mentalität der Afrikaner zu den Industriestaatsangehörigen nicht berücksichtigt wird. Gerade daran scheitern auch etliche Projekte, die zwar gut gemeint sind, aber im Sand verlaufen. Ich meine die Entwicklungshilfe muss neu überdenkt werden und neue Konzepte müssen geschaffen werden. Ob das gelingt, weiss ich nicht, aber ich hoffe es wenigstens. Ihnen einen lieben Gruss aus El Gouna am Roten Meer in Aegypten

    Gefällt 1 Person

  3. Genau.
    Danke für Ihre Ergänzung.
    Ich finde auch, dass die Reichen von Senegal, Afrika endlich Verantwortung übernehmen sollten und sich für solche Projekte engagieren mögen. Geld ist viel vorhanden! Es ist zu einfach, sich hierbei immer auf die Industriestaaten zu verlassen, auch wenn diese oft die Verursacher sind. Das Ziel muss unbedingt eine grössere Unabhängigkeit werden.
    Herzliche Grüsse zurück.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Auberge Keur Diame Antwort abbrechen