MENSCHEN

Isabel Wilkerson sagte: „Was auch immer Sie ignorieren, es wird nicht verschwinden. Es wird so lange da sein, bis Sie sich damit auseinandersetzen. Und ich denke, das ist es, was wir genau jetzt zu tun haben.“ [2] Weise Worte. Folgen wir ihnen.

Ja, ich will nun auch ein paar Gedanken zu den aktuellen Diskussionen loswerden. Das Thema Rassismus beschäftigt mich schon sehr lange. Vor allem, seit ich einen Zugang zu Afrika habe. Noch eine Anmerkung zum Text am Rande: Ich benutze das Wort „Neger“ ganz bewusst in meinem Text, dort wo es in meinen Augen um wirklichen Rassismus geht.

Gerade werden die Gemüter durch eine große Diskussion über Rassismus erschüttert. Viele Menschen nehmen das Thema ernst, machen sich Gedanken über ihr Verhalten und prüfen selbstkritisch ihren eigenen Rassismus. Andere weisen das Thema weit von sich, oder behaupten sogar, dass sie als Europäer selbst Opfer seien und in ihrem eigenen Land diskriminiert werden. Hier wird jede Schuld und Selbstreflexion weit von sich gewiesen, es wird mit dem Finger auf die Anderen gezeigt.

Dabei geht das Thema nun wirklich jeden von uns etwas an. Wir alle wurden seit unserer Geburt geprägt. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, ich gebe es zu, die liegt nun schon über 5 Jahrzehnte zurück, dann erinnere ich mich sehr gut an diese auf oktroyierten Bilder vom armen „Negerlein“, vom Hunger leidenden Afrika, von den Kriegen und vor allem von den guten Weißen, die dort aufopfernd den armen Afrikanern helfen. Wie zum Beispiel Albert Schweizer mit seinem Spital in Lambarene. In der Sonntagsschule stand bei der Türe ein kleiner „Negerjunge“, nur mit Lendenschurz bekleidet, mit Ohrringen und platt gedrückter Nase. Er hatte ein Büchse in der Hand mit einem Schlitz. Dort durften wir nach dem Unterricht eine Münze einwerfen. Für das Spital in Lambarene. Wenn die Münze fiel, dann nickte der Junge mit dem Kopf. Das Bild hat sich auf meine Netzhaut eingebrannt. Ebenso wie mir erzählt wurde, dass der gute, weiße Mann den armen „Negern“ hilft, weil die sich ja nicht selbst helfen können. Ich war damals begeistert über diesen Helden, der so viel Gutes tat.

Im selben Sinne fand ich auch später Hilfswerke und private Hilfsorganisationen bewundernswert, die sich in der 3.Welt für diese Armen einsetzten. Ich selbst wollte eine Zeit lang unbedingt diesen armen Menschen in Afrika helfen. So lange, bis ich etwas besser hinter die Kulissen sehen konnte. Bis ich sehen konnte, wie das Ganze zusammen hing. Bis ich begriff, dass Entwicklungshilfe nichts anderes ist als Interessen wahrnehmen. Dass sie nie und niemals uneigennützig ist. Uns wurde weis gemacht, dass die Industriestaaten den Entwicklungsländern helfen. Viele Menschen in den Industriestaaten denken noch heute so. Dass das jedoch immer kalte berechnende Deals waren und noch sind, bei denen die Entwicklungsländer nur verlieren können, das wollte und will bis heute nur ein Bruchteil der Menschen wissen. Nach der schlimmen Kolonialzeit, in der sehr offensichtlich gezeigt wurde, wie die anderen unterdrückt wurden, wurde fortan neokolonial, verdeckt und versteckt operiert. Immer unter dem Deckmantel, dass der weiße Mann gut ist und dem farbigen Mann helfen will. Es wurden tonnenschwere Abhängigkeiten geschaffen, die die neuen, unabhängigen Staaten in eine neue Abhängigkeit manövrierten. Diese hatten sehr schnell keine Chance mehr, irgend eine Entscheidung für ihr Land, für ihr Volk unabhängig zu treffen. Sie mussten tun, was die Geldgeber wollten.

Rassismus erklärt für Dumme

Dazu kam noch das von den Medien gezeichnete Bild vom faulen, korrupten Afrikaner oder sonstigen 3. Welt-Menschen, die ja sowieso nichts auf die Reihe bringen würden. Da müsse der weiße Mann kommen und Ordnung schaffen. Am besten mit Militär und Soldaten. Es wurden Kriege angezettelt, Staatsmänner, die nicht Europa oder USA konform waren, wurden beseitigt, auf die eine oder andere Weise. An ihre Stelle wurden korrupte „Führer“ gestellt, die nichts anderes als die Handlanger der jeweiligen Industriemacht waren. Auch dies wurde legitimiert, indem man das Bild des dummen, faulen und korrupten Afrikaners, Südamerikaners, usw. festigte. Ich kenne Menschen in der Schweiz, oder sonstwo in Europa, die bis heute fest davon überzeugt sind, dass die Afrikaner ja nie was auf die Reihe bringen. Und genau das ist abgrundtiefer Rassismus in seiner schlimmsten Form. Die Entwicklungsländer werden ausgebeutet, vernichtet, zerstört, alles unter dem Deckmantel dass der weiße Saubermann dort Ordnung schaffen muss.

Europa, USA und auch China haben sich zu monströsen Molochen entwickelt, die alles verschlingen, alles zerstören und keinen Stein auf dem anderen lassen.

Und wofür wird der ganze immense Konsumwahn dermaßen aufgebläht? Damit die großen Konzerne weiterhin Gewinne einfahren und die Aktionäre auszahlen können. Betriebe werden ausgelagert, in Billigländer. Dort gibt es kaum Kontrollen, oder wenn, werden sie mit Korruption aus der Welt geschafft. Dort „dürfen“ dann die Angestellten zu Hungerlöhnen unendliche Stunden abarbeiten, haben keine Rechte und werden wie Sklaven gehalten. Kinderarbeit ist gang und gäbe. Wir könnten es alle wissen, denn es gibt praktisch jeden Tag einen neuen Skandal. Es wird produziert was das Zeug hält. Mit Rohstoffen, die ebenfalls aus diesen Ländern praktisch gratis abgebaut werden. Dafür erhalten dann diese geprellten Länder Freihandelsverträge die sie zwingen, Industriestaaten-Müll und deren Produkte ein zu führen. Dazu noch praktisch Zollfrei. Auf diese Weise gehen den Entwicklungsländern Millionen verloren. Und der kleine Produzent im Lande selbst wird seine Waren nicht mehr los, weil er wegen der ganzen Steuern und Taxen teurer produzieren muss als es die Waren aus Europa, China und den USA sind. Dafür wird dann in den Industriestaaten der nicht konsumierte Überschuss zu Tausenden von Tonnen Müll degradiert, der dann wieder in der 3. Welt landet. Man will ja den Müll nicht um sich haben, dass können die minderwertigen Rassen auf dieser Erde bewältigen.

Der Mythos, der Westen ist gut, der Rest der Welt ist böse oder minderwertig, bleibt hartnäckig in den Köpfen der Menschen in Europa und den USA. Viele fühlen sich im Recht, wollen weiterhin ohne Probleme konsumieren wie es ihnen beliebt. Sie reagieren bösartig, wenn man sie zum Denken über die Welt, über die Zusammenhänge anregen will.

Seit einigen Jahren geht es eben diesem Westen nun nicht mehr so rosig. Ganz einfach deshalb, weil der unendliche Wachstum und die damit verbundene Ausbeutung und Zerstörung der Welt langsam an ihr Ende kommen. Die Ressourcen werden langsam knapp, andere können nur mit sehr viel Umwelt-Zerstörung weiter abgebaut werden. Die Erde erhitzt sich langsam aber sicher. Das löst Ängste aus. Die Menschen wissen nicht, wie sie aus dem drohenden Untergang wieder hinaus kommen sollen. Und sie sind nun die geeigneten Opfer für massive Manipulation. Die Mittelschicht wird langsam aber sicher abgebaut. Den ärmeren Schichten geht es immer schlechter. Und jetzt wird diesen, um ihre Existenz bangenden Menschen klar gemacht, dass die ganzen Probleme von den Einwanderern, den Fremden, den Flüchtlingen kommt. Die Angst wird heftig geschürt, der Hass auf alles Fremde wächst. Hier bieten sich natürlich am besten farbige oder arabisch aussehende Menschen und neuerdings mit Covid-19 auch Asiaten als Verfolgungsobjekte an.  Sie sind leicht sichtbar und von den sog. Mitteleuropäern gut zu unterscheiden. Das dies völliger Blödsinn ist, dass wollen diese Menschen gar nicht wissen. Sie brauchen einen Sündenbock den sie verfolgen, beschimpfen und vielleicht sogar zusammen schlagen können. Sie wollen ein Ventil für ihre Angst, ihre Wut, ihre Frustration. Nicht umsonst werden nicht christliche Religionen, Frauen, Ausländer, Farbige, und viele andere Minderheiten heute massiv ausgegrenzt. Und dann haben wir noch ein neues Wort für Menschen, die ebenfalls neuerdings ausgegrenzt werden: „die Gutmenschen“, ein absolutes Unwort! Es sind dies diejenigen, die immer noch an gewissen Werten, wie Respekt, Toleranz, Solidarität und Akzeptanz festhalten. Sie alle werden sofort als Linke, Antifa, Volksfeinde, usw. beschimpft.

Antirassismus2

Heute hören sich die Menschen nicht mehr zu. Hat jemand eine andere Meinung wird dieser sofort beschimpft oder sogar bedroht. Befruchtende, austauschende Diskussionen gibt es kaum noch. Neuerdings gehören Mord- und Bombenattentate nun ebenfalls zu diesen Hassmenschen. Sie nehmen sich das Recht heraus, dass sie entscheiden dürfen, wer leben darf, und wer nicht. So etwas nennt sich Lynchjustiz. Diese extremen Gruppen verbreiten Angst und Schrecken. Und der Rest der Bevölkerung? Tja, die ducken sich einmal mehr wieder, wollen nicht angefeindet werden. Oder sie werden zu Mitläufern, um auf der sicheren Seite zu stehen.

Und der Staat? Warum gehen die Ordnungskräfte einer Demokratie nicht konsequenter gegen solche Gewalttäter vor? Das verstehe ich leider auch nicht. Es wird gesagt, dass in einer Demokratie jeder seine Meinung kundgeben darf. Dass eine Demokratie auch gegenübe Nazis, Neonazis und Faschisten tolerant sein muss? Wo wird hier die Grenze des Tolerierbaren gezogen? Auch hier kommen wir wieder auf die ursprüngliche Frage zurück: Wann ist jemand rassistisch, wann nicht?

Das Problem geht viel tiefer, als wir alle denken. Selbst ich, die ich doch immer wieder mich selbstkritisch hinterfrage, muss eingestehen, dass ich immer noch in gewissen Bereichen Rassist bin. Denn wenn ich zum Beispiel sehe, was Chinesen in Afrika anrichten, dann werde ich regelrecht wütend. Und weil ich nichts gegen diese Zerstörung und Ausbeutung tun kann, erlebe ich erstaunt, dass auch ich hassen kann. Nämlich diese Chinesen, die sich hier im Senegal tummeln. Ja, und dann muss ich mich bei der eigenen Nase nehmen, und mir eingestehen, dass ich eben doch immer noch Rassist bin.

Der Mensch scheint so angelegt zu sein, dass Fremdes, Anderes ihm Angst macht. Hinzu kommen noch die eigenen Interessen. Im 2. Weltkrieg wurden die Juden systematisch ausgerottet, nicht nur, weil sie Juden waren, sondern auch, um an Ihr Geld, ihre Habe zu kommen. Das heißt, dass Angst, Gier, Missgunst und Hass große Antriebsfedern für jede Art von Ausgrenzung und Verfolgung sind. Aber deshalb möchte ich das noch lange nicht menschlich nennen! Denn dafür haben wir unsere Kultur, unsere Erziehung, unsere Zivilisation! Ein zivilisierter Mensch sollte in der Lage sein, seine Gefühle zu beherrschen und zu reflektieren. Er sollte wissen, wo Recht ist und wo Unrecht anfängt. Mit Erstaunen sehe ich nun jedoch, dass in den Industriestaaten genau dies verloren geht. Mehr und immer mehr. Angefangen beim heutigen Unvermögen, sachlich und bereichernd diskutieren zu können, bis hin zur gehässigen Besserwisserei und Aggressivität gegenüber anderen Menschen. Die unzivilisierten, hasserfüllten, ängstlichen Menschen verweigern sachliche Argumente, wollen nichts von der Realität wissen und konstruieren sich ihre eigene Welt. Eine Welt, gezeichnet von Angst und Frustration. Und sie werden immer mehr. Allen voran immer neue Regierungen in sogenannten Demokratien. Diese hohen Politiker heizen diese Spaltung aktiv an. Sie machen es uns vor. Danach ist es leicht für entsprechende Landsleute, ihrem Beispiel zu folgen.

Es braucht schon sehr viel Reflektionsvermögen, Selbstkritik und ein Festhalten an unseren Werten und einer gewissen Ethik, um nicht in diesen Sumpf zu fallen und darin stecken zu bleiben. Ein Gewaltakt, denn heute anscheinend nicht mehr sehr viele meistern. Wir alle sind in Gefahr, durch subtile Manipulation „umgedreht“ zu werden. Wer dies verhindern will, muss wachsam sein und sehr, sehr kritisch. Auch gegenüber dem geschriebenen Wort.

Auch meinem!  😉

harmonie-yin-yang

4 Antworten auf “MENSCHEN”

  1. Liebe Ruth,
    gerade bin ich Deinen Gedanken in Deinem Artikel nachgegangen. Wir beide kommen aus derselben Generation, einem ähnlichen kulturellen Umfeld. Es ist mir nicht fremd, was Du schreibst.
    Vielleicht erinnerst Du Dich, ich war im Frühjahr 2019 einige Tage Gast in Deinem Haus und denke gern an diese intensiven Tage in Dakar.
    Doch zurück zu Deinen Gedanken. Mir geht in den letzten Jahren Ähnliches durch den Kopf und in jüngster Zeit immer mehr. Ich kann es kaum fassen, so wichtige Ereignisse und geschichtliche Zusammenhänge erst im fortgeschrittenen Lebensalter zu entdecken. Was habe ich eigentlich in der Schule gelernt? Nicht, dass Kolonialismus ( und vieles andere, was Du erwähnst) nicht bekannt war, doch die Relevanz wurde massiv unterschätzt, die andauernden Folgen nicht gesehen, Neoliberalismus nicht als Fortsetzung mit anderen Mitteln erkannt. Vom alltäglichen Rassismus und westlicher Hybris ganz zu schweigen.
    Ich teile viele Deiner Gedanken und freue mich, Deinen Post gefunden zu haben.
    Meine Reise durch den Senegal im letzten Jahr hat mich nicht nur sehr erfreut sondern auch sehr nachdenklich gemacht.
    Vielleicht habe ich das Glück, irgendwann noch einmal in den Senegal zu kommen.
    Und: Du hast einen wunderschönen Garten, viel Freude damit! Und bleibt gesund – das wünsche ich Dir und Deinem Umfeld.
    Dagmar

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  2. Liebe Dagamar
    Endlich finde ich etwas Zeit, Dir zu antworten. Obwohl wir im Moment kaum Gäste haben, gibt es doch immer wieder recht viel zu tun. Vor 3 Tagen kam ich wieder zurück in mein Häuschen, auch da muss immer erst wieder alles aufgegleist werden. 😉
    Ganz lieben Dank für Deine Worte. Ich freue mich, dass ich zu meinen Texten auch Gleichgesinnte finde. Ja, solche Zusammenhänge werden leider nicht in der Schule gelernt. Das führt eben dann auch dazu, dass viele bis zum Ende ihrer Tage weiter vor sich „hinträumen“ und an diese, ihre heile Welt glauben.
    Eines der Dinge, die ich in meinem Leben in Afrika lernen musst, war eben genau das: Die Welt ist nicht heil! Auch nicht dort, wo es uns glauben gemacht werden soll. Dies zu erfahren und auch zu akzeptieren, war für mich ein recht schmerzlicher Prozess. Doch gehört das eben zu einer Entmystifizierung von Afrika. Afrika, das uns einen nackten, erbarmungslosen Spiegel vor Augen hält. Wir können das entweder annehmen und in einen persönlichen Prozess des Überdenkens einsteigen, oder wir halten unsere Augen weiterhin panisch geschlossen und verweigern ängstlich jegliches Nachdenken.
    Und ja, ich würde mich sehr freuen, wieder mal mit Dir zu plaudern. Hoffen wir, dass sich die Welt bald wieder etwas weiter dreht. Meinetwegen auch langsamer! 😉
    Ich sende Dir herzliche Grüsse aus einem sehr heißen und feuchten La Somone in der Regenzeit.
    Mme. Ruth

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