Konsumgesellschaft auf Entzug

Ich sitze hier, im tiefen Schwarzafrika (Dakar, Senegal), wo wir ebenfalls von der Pandemie betroffen sind und sehe durch das Fenster Internet und durch Berichte von Freunden und Familie nach Europa. Das nur, damit die Distanz meiner Worte zu Europa ersichtlich wird.

Zuerst muss ich erläutern, dass die Senegalesische Regierung sehr schnell und rigoros reagiert hat. Dies wurde von der Bevölkerung zur Kenntnis genommen und nach ein paar Tagen Anlaufschwierigkeiten dann auch respektiert. Ach, erwähnen muss ich vielleicht, dass auch der Senegal ein demokratisches Land ist. (Ohne Wenn und Aber!) Die Leute halten sind an die vorgegebenen Maßnahmen, die Entwicklung der Pandemie im Senegal gibt ihnen Recht. Wir haben seit etwa 2 Monaten Ausnahmezustand, dazu täglich Ausgangssperre von 21 Uhr bis 05 Uhr. Die Grenzen des Landes, wie auch der Flughafen sind gesperrt, ebenso ist es nicht erlaubt im Landesinnern von einem Departement zum anderen zu reisen. Dies schränkt viele Menschen extrem ein. Dazu haben wir noch Ramadan. Der Fastenmonat, in dem sich Abends die Familien treffen und zusammen Fastenbrechen, zusammen beten. Dies können sie jetzt nicht tun, sofern sie nicht zusammen in einem Haushalt leben. Auch das Korité-Fest wird in aller Bescheidenheit gefeiert werden müssen. Die Menschen ertragen das alles, mit der den Afrikanern eigenen stoischen Gelassenheit. Natürlich wird auch hier polemisiert, doch halten sich alle mehr oder weniger an die Vorgaben der Regierung. Hoffnung geben auch bei uns die nun kommenden Lockerungen.

Nun sehe ich mit Erstaunen, wie die westliche Welt, sprich Deutschland, Schweiz, Frankreich etc. auf die dortigen Einschränkungen reagieren. Ich sehe die Demonstrationen von Massen. Ich kann es nicht wirklich nachvollziehen, wie sogenannt Gebildete, Geschulte und „freie“ Menschen solch einen Unsinn machen können. Und dann stelle ich mir die Frage, warum ist es so? 

Sicher, alles was mit dieser Pandemie zu tun hat, ist irgendwie unverständlich, unlogisch. So ergeht es mir zumindest. Viele, widersprüchliche Meinungen, Meldungen, Tatsachen kursieren im Internet, in den ganzen Medien. Was glauben, was verwerfen? Da sind ja auch schon die Politiker, Wissenschaftler und Mediziner überfordert. Wie soll ich denn als einfacher Weltbürger wissen, was Sache ist?

Diese extrem unsichere Situation treibt nun irre Blüten. Und viele Menschen reagieren nun trotzig, unvernünftig. Dazu habe ich folgende Gedanken:

In den letzten 50-60 Jahren, hat sich unsere westliche Gesellschaft zu einer Konsumgesellschaft gewandelt. Oberstes Ziel und Zweck des Lebens ist es heute anscheinend, genug zu verdienen, um sich dann alles zu kaufen, was man möchte und was man muss. (Werbung, Nachbarn, Status, Sachzwänge) Es ist seit Jahrzehnten möglich, alles zu bekommen, auf nicht sehr viel zu verzichten. So wurden vor allem einige Generationen von Kindern auf gezogen. Sie bekamen alles, vor allem alles was ihre Kameraden auch hatten. Eine Konsumgesellschaft ist auch gleichzeitig eine Gesellschaft von verwöhnten Menschen, die sehr auf sich selbst konzentriert sind. Individualismus machte sich breit, sehr breit. Dazu eine große Zunahme von virtuellem Erleben, „Leben“, was auch eine empathische Vereinsamung des einzelnen Menschen bedeutet. Eine Gesellschaft mit autistischen Ansätzen. Dies wiederum führt logischerweise zu einem Mangel an Empathie, Anteilnahme an dem Menschen neben sich, Verrohung der Sprache und aus dem Alleinsein geboren, eine erhöhte Aggressivität. Die Industriegesellschaften bestehen zu einem großen Teil aus egoistischen, egozentrischen, introvertierten Menschen. Die meisten haben eine sehr kleine Frustrations-Toleranz, rasten schnell aus und werden ausfallend oder/und gewalttätig. Dies ist für mich eine (von mehreren) Erklärungen, warum jetzt gerade in Europa so viele Menschen, gegen alle Vernunft, auf die Strasse gehen, diesen irren Verschwörungstheoretikern, sogenannten Patrioten, Rechtsextremen, und sonstigen Laut-Schreiern nachlaufen und das Gehirn aus geschaltet haben. Sie sind alle auf Konsum-Entzug und dabei ist es ihnen egal, ob sie andere gefährden oder jemandem schaden. Es geht hier um ihre Bedürfnisse, um ihr selbst eigenes Wohlbefinden! Konsumwelt, Konsumenten, Konsumgesellschaft eben. Absolut Wert-, Moral, Ethik-entfremdete Welt!

Wenn ich das so krass schreibe, dann, um es sichtbar zu machen. Natürlich gibt es nach wie vor besonnene, kultivierte und auch intelligente Menschen in Europa. Zum Glück und zu meiner Erleichterung! 

Aus der Ferne, Ihre Mme.Ruth

8 Antworten auf “Konsumgesellschaft auf Entzug”

  1. hallo ruth guter artikel hast du verfasst. ich stimme dem voll zu. wir in ch und eu konsumieren zu viel zu billig. da ist afrika viel sparsamer. ich melde mich mal bei dir. gruss schulkollege röbi

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    1. Hallo Röbi, herzlichen Dank für Deine Worte. Ich freue mich, wenn Dir mein Artikel gefällt. Ja, melde Dich gerne. Falls Du meine Tel.Nummer noch hast, die ist auch für WhatsApp.
      liebe Grüsse, Mme.Ruth

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  2. Ja, ich glaube lieber Wissenschaftlern, die sich mal irren, als Irren, die glauben, sie seien Wissenschaftler.
    Die Kombination von Angst und Luxus ist fatal!

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  3. Hallo Ruth, bin eben zufällig auf deinen Blog gestoßen. Ich lebe in Uganda, seit 2017 für immer nachdem ich pensioniert würde.
    Uganda hat einen harten Lock Down gefahren, der in etwas gelockert Form weiter fortbesteht. Das war insoweit erfolgreich als die Zahl der Neuinfektionen gestreckt werden konnte um einem armen Land mit geringem Gesundheitswesen die Zeit zu geben, zu reagieren und nicht total aus dem Ruder zu laufen. Und die Bevölkerung hat es mit großer Geduld ertragen und aktiv mitgemacht.
    Mit voelligem Unverständnis habe ich die Reaktionen aus Europa, insbesondere aus Deutschland zur Kenntnis genommen. Da trifft genau zu, was du geschrieben hast, Vollkasko Mentalität in einer Konsumgesellschaft. Bleib gesund.

    Herzliche Grüsse aus Kampala nach Dakar

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    1. Guten Abend Wolfgang
      Schön, von Ihnen zu hören!
      Sie leben in Uganda. Für mich wäre es interessant, zu hören, wie es sich dort so lebt. Leider kenne ich dieses Land überhaupt nicht.
      Herzlichen Dank für Ihre Zustimmung zu meinem Text. Ich freue mich darüber.
      Ich wünsche Ihnen alles Gute, bleiben Sie gesund und vor allem wünsche ich uns allen, dass dieser Pandemie-Zustand bald zu Ende geht!
      Herzliche Grüsse aus Dakar
      Mme. Ruth

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