Diesen Text erstellte ich anlässlich einer Umfrage im Bund, einer Tageszeitung von Bern, in der Beiträge aus der Zeit von 1968 gesucht werden:
Im Jahr 1968 war ich 16 Jahre alt. Aufgewachsen in einer kleinbürgerlichen Familie, faszinierten mich die revolutionären Gedanken der 68iger. Noch zu jung für die große Studentenrevolte stürzte ich mich voller Hingabe in die Hippie-Ära. Ich ließ meine Haare bis zu meinen Hüften wachsen und trug sie offen. Die einzige Zähmung meiner Mähne waren bunte Tücher, die ich um die Stirn band. Lange, schlabberige Kleider aus Indien waren mein Mode-Outfit, dazu nackte Füsse, sofern es die Temperaturen in Bern zuließen. Die Jeans mussten zerschlissen sein, die Pullis oder Blusen auf alt getrimmt oder aus Indien stammend. Fand ich eine Blume, steckt ich sie mir ins Haar.
Mit 18 machte ich meinen Führerschein und kaufte ich mir für 100 CHF einen alten, grasgrünen Volkswagen, den ich liebevoll „Chröttli“ nannte. Hingebungsvoll bemalten meine Freunde und ich ihn mit Blumen und auf den Türen prangten wunderschöne, große Kröten. Die Radkappen bekamen Smilies.

Wenn ich mit meinem „Chröttli“ auf den Berner Strassen unterwegs war, wurde ich oft von der Polizeikontrollen angehalten. Nebst der üblichen Kontrolle meiner Papiere schikanierte man mich jedes Mal nach Strich und Faden. Allzu oft wurde auch das Auto nach Drogen abgesucht, da eine Person, die so aussah wie ich, sicher auch Drogen nahm. (Den Gefallen habe ich der Polizei allerdings nicht getan)
Das Lebensgefühl damals war leicht, luftig, blumig. Wir glaubten an eine allumfassende Liebe. Liebe zu allen Menschen, Liebe zu Tieren, Pflanzen, Liebe für die ganze Welt, die wir jeden Tag zu umarmen versuchten. Das machte uns frei. Wir waren jenseits aller Konventionen, glaubten an eine bessere Welt. Eine Welt voller Liebe, Toleranz und gegenseitiger Achtung. Wir tanzten durchs Leben.
Abends trafen wir uns meinst auf der Münster Plattform. Unser Platz, um Gitarre zu spielen, zu singen und zu tanzen. Jeder Abend ein kleines Fest, bei dem natürlich auch der eine oder andere Joint nicht fehlte. Wenn die Ordnungshüter kamen, stoben wir auseinander und versteckten uns. War die Polizei wieder weg, kamen wir zurück. Wir waren hartnäckig, besetzten die Plattform und das eine und andere Abbruchhaus. Natürlich wurden wir immer wieder verprügelt. Sei es durch die Schlagstöcke der Polizei oder durch „ehrbare“ Bürger, welche sich in ihrer Ordnung bedroht fühlten. Diese gut bürgerlichen Attacken stärkten jedoch lediglich unseren Widerstand, gaben uns Mut, und machten uns unverdrossen.

An kalten Tagen trafen wir uns im Café „Die schwarze Tinte“. Noch heute denke ich mit Wehmut an diesen Ort, der mir zur 2. Heimat wurde. Dort habe ich gelernt Schach zu spielen. Wir haben stundenlang debattiert, unsere revolutionären Ideen ausgetauscht. So gab es zum Beispiel heiße Köpfe vor der Abstimmung über den Schwangerschaftsabbruch. Emanzipation war DAS Thema. Wir jungen Frauen wollten uns nicht mehr in die Küche verbannen lassen. Wir wollen frei sein, über unseren Bauch selbst bestimmen. Beruf und Kinder sollten vereinbar sein. Auch die jungen Männer machten mit. Sie erhoben den Anspruch, auch an der Kindererziehung beteiligt zu werden. Themen wie Umweltschutz, Ausstieg aus einer Konsumgesellschaft, Jobsharing, Politik wurden heiß diskutiert. Rudi Dutschke und Ché Guevara waren Leitbilder. Manchmal auch Marx oder Lenin. Wir kritisierten die bestehende Gesellschaftsordnung, verweigerten ein adäquates Rollenverhalten und suchten nach neuen Wegen. Kommunen wurden gegründet. Andere gingen aufs Land und versuchten sich als Selbstversorger. Je einfacher jemand leben konnte, umso besser.
Auch das « Café des Pyrénées », der « Falken » oder der „Aarbergerhof“ waren beliebte Treffpunkte. Dort konnte man auch den Sänger „Polo Hofer“ oder andere „Span“-Mitglieder antreffen. Die Zeiten waren unkompliziert. Als junge Frau konnte ich abends allein in die Stadt gehen. Wenn ich in eines dieser Lokale kam, fand ich immer jemanden mit dem ich diskutieren konnte. Alle sprachen mit allen. Man kannte dadurch auch sehr viele Leute.
Dann die Musik. Sie war fester Bestandteil unseres Lebens. DER Ausdruck unserer Revolte gegen die bestehende Gesellschaft. Nicht so wie heute, war diese Musik ausschließlich für uns Junge. Die ältere Generation verabscheute diese Klänge. Wir identifizierten uns umso mehr damit. „Let‘s Rock!“!
In dieser Zeit gabe es die ersten OpenAir-Festivals. Folkfestival genannt. Aufgetreten sind Bob Dylan, Joan Baez, Donovan, Cat Steven, Georg Moustaki und andere. Aber auch die Rockkonzerte mit Jethro Tull, Doors, Fleedwood Mac, Pink Floyd, Frank Zappa, Jimmy Hendriks, Jannis Joplin, um nur einige zu nennen. Woodstock, ein Meilenstein dieser Zeit.

Auch gehörte die freie Liebe zu dieser Lebenseinstellung. Da unser Motte die große Liebe war, befanden wir es auch als selbstverständlich, nicht nur einen Partner zu lieben. Kinder wurden in eine Gruppe hinein geboren. Sie waren unser aller Kinder. Jeder fühlte sich für sie verantwortlich. Es war regelrecht verpönt, auf ein menschliches Wesen Besitzanspruch zu erheben. Jeder Mensch sollte frei sein, eingebettet in einer allumfassenden Liebe.
Nebst all‘ diesen schönen Dingen meiner Jugend muss ich ein Wort über die Drogen schreiben. Das große Elend, dass sie mit sich brachten. Sie waren der Anfang vom Ende einer wundervollen Ära. Viele meiner damaligen Freunde rutschten in harte Drogen ab, leben heute nicht mehr. Existenzen zerbrachen durch ungehemmten Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Kinder wurden in die Welt gesetzt und von den drogenabhängigen Eltern im Stich gelassen.
Die Zeit lehrte uns, dass eine grenzenlose Freiheit eben nicht wirkliche Freiheit ist. Wir hatten die Chance, die Welt zu verändern und haben sie verpatzt, indem wir nicht verstanden mit dieser großen Freiheit um zu gehen.
Zurück bleibt die Erinnerung an ein Lebensgefühl: Blumig, voller Liebe und Hoffnung mit einem bitteren Nachgeschmack.
In Liebe, Ihre Mme Ruth



Super, danke, Ruth. Habe diese Epoche miterlebt, aber (leider?) wohlbehütet im Elternhaus…
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Liebe Ursula
Danke für Dein Kompliment.
Genau, jeder hat diese Zeit auf seine eigene Art erlebt. Es gab ja auch so viele verschiedene Strömungen damals. Die einen waren politisch militant engagiert, die anderen wollten die große Liebe.
Vieles wurde damals aufgebrochen, in Frage gestellt und neu geordnet. Zum Guten wie zum Schlechten. Für mich ist es wichtig, was wir persönlich daraus gemacht haben, wie wir danach weiter gelebt haben.
Liebe Grüsse an Dich
Mme Ruth
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Danke, liebe Ruth, für Dein feedback. Mein Leben verlief auch in vielen Auf und Abs, aber, comptes faits, wäre ich ohne die „Abs“ nicht das, was ich heute bin. Meine glückliche Kindheit, meine liebvollen Eltern – , das war (und ist) ein Reservoir, an welchem ich heute noch zehren darf. Ich bin 75, habe wundervolle Kinder und Enkel , alle mit einem grossen Herzen und Liebe und Respekt für die Natur. Wenigstens dazu habe ich beitragen können mit meiner Erziehung. Und das ist doch schon etwas. Für mich war die Intelligenz immer gekoppelt mit emotionaler Intelligenz, welche mir wichtiger ist als Streben nach Geld und Macht. Einen schönen Nachmittag Dir, grüss mir „mein“ Afrika, meine zweite Heimat! Alles Liebe und Gute nach Sénégal!
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Musikalisch betrachtet waren die 1960iger bis hinein in die 1970iger die besten Jahre, darüber sind sich wohl viele einig, zumal genau in jener Zeit die Welt ohnehin im Aufbruch sich befand, ihre Gesellschaften zu hinterfragen, genug Abstand bestand nach jenen furchtbaren Ereignissen des II. Weltkriegs, mit dem Vietnam-Krieg, den Beatles, Frank Zappa und Hair, um nur einige Highlights zu zitieren, der Emanzipation, die auch ich in vollen Zügen miterlebte und hinterfragte, einem Dutschke, Böll und Erich Fromm, den Schah-Demos, versuchten die neuen Generationen die Welt besser zu verstehen – am Ende obsiegte nicht nur der Run aufs Geld per Drogenkonsum, jenen gab es ohnehin schon vorher, hält sich bis heute hartnäckig, sondern bestimmten die politischen Ereignisse den weiteren Verlauf. Manche sehen Verschwörungen in den Irrungen der RAF-Ära, dem just wieder neu aufkommenden Rechtsruck, den ich persönlich für richtig gefährlich halte – ja, es haben viele nichts daraus gelernt, wie Du zurecht bemerkst, jenes Streben nach Macht und Geld zerstört nur noch. Danke für Deine Zeilen, Ruth, sie sprechen auch mir aus dem Herzen.
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Hallo mein Lieber
Sorry, ich war eine ganze Weile nicht mehr auf meinen Blogs. Zum Teil, weil ich Stress hatte, zum Teil war es jedoch wie eine Blockade. Jetzt scheint es wieder ein wenig besser zu sein.
So habe ich denn Deinen Kommentar nicht beantwortet. Er ist mir einfach unter den Tisch gefallen! Ich möchte es nun nachholen. Denn unsere Vergangenheit rennt ja eh nicht weg, wir können uns darin ausruhen. 😉
Es war eine verrückte Zeit. Sie hat zumindest mich, sehr geprägt. Und, ich bin froh, dass ich sie erleben durfte. Vor allem die damalige Musik. Wie wir sehen, bis heute einfach einmalig. 😀
Ich freue mich, wenn Dir mein Text zusagt. Es ist nicht immer einfach, von dieser Zeit zu schreiben. Viele haben schlimme Erinnerungen daran, andere haben diese Zeit verteufelt. Gerade jetzt, 50 Jahre danach, werden diese 68er wieder aufgerollt. Es gibt Dokumentarfilme, Filme über die damaligen großen Stars, usw. usw. Das löst natürlich bei mir auch Erinnerungen aus. Ich frage mich dann, was ist davon geblieben? Für mich nach wie vor diese Liebe, der Respekt und die Achtsamkeit gegenüber allen Menschen und gegenüber der Natur. auch wenn es ungemein schmerzlich ist in dieser Zeit der Zerstörung.
Ich wünsche Dir einen wundervollen Tag, herzliche Grüsse aus Dakar
Mme. Ruth
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