Brief zum Beginn des Jahres 2021

Dakar, 01.01.2021

Liebe Familie, Freunde, Bekannte, Gäste

Endlich sind wir im 2021 angekommen! Sicher sind viele von Euch, ebenso wie ich, froh, dass wir das 2020 hinter uns lassen können. Ob das neue Jahr besser wird, wissen wir noch nicht, doch die Hoffnung bleibt.

Für uns alle war das 2020 ein spezielles Jahr. Für die Einen mehr, für die Andern weniger. Ich weiss nicht, wie es Euch allen geht. Nur von einigen habe ich Neuigkeiten. So hoffe ich denn, dass Ihr Euch alle wohlauf und zufrieden befindet.

Dem Keur-Diame-Team geht es gut. Das Hotel ist noch immer geöffnet, doch war das letzte Jahr immer wieder ein grosses Hoffen und Bangen. Schaffen wir es, oder schaffen wir es nicht? Eine immer wiederkehrende Frage. Doch will ich von Anfang an erzählen:

Das Jahr begann wie so oft voller Freude und Hoffnung, dass es dieses Jahr vorwärts gehen wird. Ich hatte einige Projekte, vor allem für die Erneuerung der Herberge. Bereits hatten wir angefangen, einige Zimmer zu renovieren, neue Möbel zu kaufen. Geplant war, das Keur Diame etwas zu modernisieren und besser den Ansprüchen der heutigen Zeit an zu passen. Natürlich hatten wir auch von dieser neuen Krankheit in China gehört, doch wie so viele im Rest der Welt, dachten wir uns nicht viel dabei.

Und dann kam der März. Inzwischen war auch Europa von dieser neuen Krankheit, die Covid-19 genannt wurde, ergriffen worden. Das Virus breitete sich sehr schnell auf der ganzen Welt aus. Bis es dann eben auch in unser Land kam. Und zwar kam es mit einem im Ausland lebenden Senegalesen ins Land, der unbedingt zum religiösen Treffen in Touba kommen wollte und es irgendwie illegal über die Grenze geschafft hatte, obwohl da schon am Flughafen sehr strenge Kontrollen gemacht wurden. In Touba befanden sich viele Tausend Anhänger der Bruderschaft der Mouriden, welche sich einmal im Jahr zur grossen Wallfahrt, dem Magal, in der grossen Moschee von Touba treffen. So wurde Touba zum ersten und grössten Krankheitsherd im Senegal. Ein erkrankter Franzose, welcher zuvor in St.Louis angekommen war, wurde sofort (auf eigenen Wunsch) wieder ausgeflogen. Zum Glück hatte dieser niemanden angesteckt.

Von Touba aus, wurde das Virus natürlich nach der Pilgerfahrt im ganzen Land und auch in den umliegenden Ländern verstreut. Dabei waren Thies und Dakar sehr schnell sehr stark betroffen.

Mitte März rief die Regierung den Ausnahmezustand aus. Der Flughafen und die Landesgrenzen wurden geschlossen und es wurde uns untersagt, innerhalb des Landes zu reisen. Wir durften uns zwar innerhalb des Departementes frei bewegen, doch nicht in ein anderes Departement fahren. Das hiess für mich, die ich mich in dem Moment in Dakar befand, dass ich nicht mehr in mein kleines Privathäuschen in Somone fahren durfte. Was deshalb so schwierig war, weil ich auch nicht Kleider für einen längeren Aufenthalt in Dakar dabei hatte. So wusch ich halt alle paar Tage meine Kleider von Hand aus, da auch meine Waschmaschine sich in Somone befand.

Restaurants, Bars, Konzertlokale, Kinos, Fitnesszentren und sogar der Strand in Dakar wurden geschlossen. Man durfte nur noch mit Maske aus dem Haus gehen. Die Märkte und Supermärkte waren noch offen, damit wir Lebensmittel kaufen konnten. Doch bevor wir dort eintreten durften, wurde Fieber gemessen und wir mussten die Hände desinfizieren. Manchmal hatte ich nach einer Einkaufstour in etwa 10 Mal meine Hände desinfiziert. Doch daran gewöhnten wir uns recht schnell. Dies ist bis heute bei uns die Regel. Alle die Monate, bis heute gehören Masken, Hände desinfizieren und Fieber messen zum Alltag.

Im Moment, als der Flughafen geschlossen wurde, war uns natürlich auch klar, dass wir keine Gäste mehr erhalten würden. Die ganzen, vielen Reservation lösten sich sozusagen in Luft auf. Verpufft waren all die schönen Projekte, die ich hatte. Jetzt galt es vor allem, zu überlegen, wie wir am längsten durchhalten könnten. Konnte ich beide Häuser weiterhin unterhalten? Nein, ich musste mich entscheiden! Zum Glück war die Vermieterin in Somone sehr kulant und erliess mir sofort vorübergehend die Hälfte der Miete in Somone. Wenigstens bis klar war, wie es bei mir weiter gehen sollte. Ihr gebührt bis heute mein grosser Dank! Das Hotel hatte für mich Priorität! Auch wenn ich erst ein Jahr zuvor nach Somone umgezogen war, so war mir doch klar, dass ich dieses Haus als Erstes abbauen müsste. Mein Personal wollte ich behalten, wenn immer möglich. Ich führte nun also einen reduzierten Service im Hotel ein. Die Mädchen kamen nur noch am Morgen, putzten die Zimmer und, falls gewünscht, wurde den Gästen das Mittagessen serviert. Wir führten Kurzarbeit ein.  

In den ersten Monaten, bis Anfang August hatten wir 5 Gäste, die bei uns blockiert waren. Zum Teil hatten sie sich entschieden, anstatt einen teuren Rückführungsflug zu ergattern, lieber hier im Senegal zu bleiben. Andere konnten ganz einfach nicht nach Hause reisen, da sämtliche Flüge in Ihr Heimatland (Kongo) gesperrt worden waren. So hatte ich wenigsten ein kleines Einkommen mit dem Hotel. Dies erlaubte uns die ersten Monate durch zu halten.

Nach 3 Monaten wurde der Ausnahmezustand aufgehoben. Es galten noch die Hygiene-Regeln, doch durften wir wieder im Lande herum reisen. Allerding blieb der Flughafen und die Landesgrenzen weiterhin geschlossen. Ende Juli dann endlich wurde der Flughafen für gewissen Passagiere wieder geöffnet. Linienflüge flogen Dakar wieder an. Auch war bei uns die Pandemie nie wirklich schlimm geworden. Unsere Zahlen waren weit von denen in Europa und Amerika entfernt. Inzwischen wurde dies auch von der WHO bestätigt. Afrika wurde in vielen Teilen grösstenteils verschont. Dies lag sicher auch an der sehr jungen Bevölkerung, daran, dass Afrikaner den Umgang mit Pandemien nichts Neues ist, und vielleicht auch an der Sonne, die bei uns jeden Tag vom Himmel strahlt. Wie auch immer, ich bin froh, dass der Senegal bisher so ziemlich verschont geblieben wird. Wir hoffen sehr, dass es so bleibt. Auch wenn die Zahlen in den letzten Wochen von 2020 wieder etwas gestiegen sind.

Komischerweise war im Sommer der Senegal trotzdem auf der schwarzen Liste von vielen europäischen Ländern, welche Flüge von und nach Senegal nicht bedienen wollten. Im Gegenzug beschloss unsere Regierung daher, dass wir bis auf weiteres keinen Touristen Einlass gewähren würden. Es durften nur Leute mit der senegalesischen Nationalität, Leute mit einer Aufenthaltsbewilligung oder in Ausnahmefällen Business-Leute aus Europa oder USA einreisen. Innerkontinental begann jedoch nach und nach der normale Flugverkehr wieder.

Einen Moment lang sank mir der Mut, als ich den Beschluss der Regierung vernahm. Vor allem dann, als die Zahlen in den Industriestaaten wieder zu steigen begannen. Ich konnte mir sofort vorstellen, dass die Hochsaison, die bei uns im Winter ist und auf die ich so gehofft hatte, nun auch dem Virus zum Opfer fallen würde. Was tun? Wie sollte ich noch viele weitere Monate ohne Einkommen überleben? Ich sah nun wirklich schwarz.

Parallel dazu hatte ich gegen den Vermieter des Hauses bereits schon seit längerer Zeit prozessiert. Ich bekam Recht und der Besitzer schuldet mir nun für gemache Reparaturen eine ansehnliche Summe. Im September wusste ich nicht mehr, wie ich die Miete bezahlen sollte. In Absprache mit meinem Anwalt stelle ich die Zahlungen ein. Eine Konfiszierung meines Geldes über die Miete. Noch ist nicht 100prozentig klar, ob das Gericht mir Recht gibt, doch stehen meine Chancen mehr als gut. So sollte ich nun noch ein paar Monate ohne Miete durchhalten können. Ich bekomme ja schon seit ein paar Jahren meine Rente. Ausserdem hat mein lieber Bruder gemeint, dass er ja sowieso nicht wie sonst verreisen kann, daher könne er mich ein wenig unterstützten. Meinem Bruder und dem Himmel sei gedankt. Damit schaffen wir es sicher noch ein paar Monate durch zu halten.

Warum ich die Herberge weiter führen will? Stimmt, denn eigentlich könnte ich in meinem kleinen Häuschen am Meer mit meiner Rente recht gut zurechtkommen. Doch sträubt sich alles in mir, meine Leute zu entlassen und das Keur Diame definitiv zu schliessen. Inzwischen geht es vielen im Senegal nicht gut. Die Tourismusbranche ist einer der grössten Arbeitgeber im Lande. Da dieser Bereich nun praktisch zum Erliegen kam, haben sehr viele Menschen kein oder kaum noch Einkommen. Das Elend wächst. Umso mehr, als auch die Künstler keine Arbeit haben. Nicht umsonst steigen die illegalen Migrationen per Boot und durch die Wüste enorm an. Die Zahl der Flüchtlinge auf den Kanarischen Inseln hat sich gegenüber 2019 im 2020 mehr als verdoppelt. Ich versuche daher meine 9 Angestellten bei der Stange zu halten, auch wenn es im Moment nur Teilzeit ist.

Hoffnung gibt mir auch das Versprechen des Staates, dass sie der Tourismusbranche Hilfe zukommen lassen. Im Juni bereits hatte ich ein Gesuch eingereicht. Leider ist bis heute keine Antwort gekommen. Doch nun hat die Regierung einen neuen Fonds frei gegeben, so dass ich immerhin darauf hoffen kann, dass im neuen Jahr mein Gesuch bearbeitet wird. Um Missverständnissen vor zu beugen: dies kann ich nur tun, weil ich die Senegalesische Nationalität habe.

So sehe ich nun, am ersten Tag im neuen Jahr, mit neuer Hoffnung und Zuversicht in die nahe Zukunft.

Natürlich habe ich mich auch sehr intensiv mit dem Gedanken auseinander gesetzt, wie es wäre, wenn ich das Keur Diame aufgeben müsste. Dadurch weiss ich auch, dass es für mich zwar enorm schwierig wäre, doch ist es machbar. Ich würde es überleben. Schmerzlich ist für mich vor allem der Gedanke, dass ich mich von meinen langjährigen Mitarbeitern trennen müsste. Sie sind mir zur Familie geworden. Auch mein „Kind“ das Keur Diame ist natürlich in den 19 Jahren, stark mit mir verbunden. Es würde sehr schmerzen, es jetzt schon aufgeben zu müssen. Gäste auf der ganzen Welt, die mir lieb geworden sind, würden dann nicht mehr kommen. Ich würde sie sehr vermissen. Im Moment bin ich noch nicht bereit, das alles auf zu geben.

So hangelte ich mich denn letztes Jahr von Monat zu Monat durch. Jeden Monat die bange Frage, ob es noch einen Monat geht. Bis jetzt ging es jedes Mal weiter. Hoffen wir, dass wir noch ein paar Monate durchhalten.

Ich weiss, dass es vielen von Euch ähnlich ergangen ist. Ich würde mich sehr freuen von Euch zu erfahren wie Ihr dieses 2020 überstanden habt. Euch allen möchte ich nun noch alles Gute für das hoffnungsvolle 2021 wünschen. Dieser Zustand KANN einfach nicht der Normalzustand werden! Nein, ich weigere mich, daran zu glauben. Wir werden das überstehen und dann mit neuem Mut und neuer Freude unser Leben wieder aufnehmen! Auch möchte ich natürlich gerne in diesem neuen Jahr wieder einmal in die Schweiz kommen können.

Hoffnung stirbt zuletzt!

Euch allen, wo Ihr jetzt gerade seid, was Ihr jetzt gerade erlebt, wünsche ich nur das Beste und hoffe, dass wir uns bald wieder sehen werden. Bleibt gesund und vor allem, lasst euch nicht die Freude am Leben nehmen!

Eure Mme. Ruth aus dem Senegal

2 Antworten auf “Brief zum Beginn des Jahres 2021”

  1. Liebe Ruth,

    endlich habe ich die Zeit gefunden, Deine interessanten Ausführungen über das Jahr 2020 zu lesen. Den Anfang hatte ich ja noch bis Ende März persönlich miterlebt. Ich war völlig erschöpft, aber auch heilfroh, als ich meine Wohnungstür in Hamburg aufschloss. Ich hatte es sogar genossen, dann erstmal zwei Wochen in Quarantäne zu weilen; Dörte, allein zuhause! Ich hatte in mir eine gute Freundin, beschäftigte mich mit dem Nichts, stellte fest, dass die höchste Tugend nicht unbedingt die Liebe oder die Freiheit sind. Es könnte „keine Angst vorm Nichts“ sein. Iggy Pop hat einen wunderbaren Film „Ein Hoch auf das Nichts“ kreiert. Um mich herum jagte ein Elend das andere. Mindestens einmal die Woche bekam ich Todesmeldungen mir nahestehender Menschen. Das begann ja bereits im Januar, als ich mir selbst kleine Abschiedszeremonien im Senegal bastelte. Zurück in Deutschland sahen coronabedingt die Abschiedsfeiern ähnlich einsam aus. Familien brachen und brechen noch auseinander, weil Homeoffice und Homescooling so manchem das Leben zur Hölle machen. Und dann die Vielen, denen es existenziell richtig an den Kragen geht, auch in meiner Familie. Der Arbeitsmarkt wird zukünftig ein ganz anderer sein. Corona hat eine Transformationszeit eingeläutet. An eine alte Normalität glaubt hier kaum einer mehr. Ich find‘s gut. Darin liegt die Chance Afrikas, wenn man sich dort seiner uralten Werte besinnt. Zunächst scheint der Mensch erstmal überall komisch zu werden. Das ist nur die Erstverschlimmerung vor dem Guten, was gerade im Anmarsch ist. Natürlich ist es schade, dass ich jetzt weder in den Senegal noch auf meine geliebte Insel Spiekeroog komme, aber ich bin seit über 20 Jahren nicht mehr Besucherin des Ortes, wo mein Lebensmittelpunkt liegt. Ich lebe jetzt vollkommen hier. Das ist eine ganz neue Erfahrung, die ich auch zu schätzen weiß. Es ist so schön, das Glück ist IN dir, nicht im AUßEN!

    Du siehst, ich habe mich gut eingerichtet. Mir scheint, wir beide haben da eine Gemeinsamkeit. So habe ich das aus Deinen Zeilen gelesen. Ich wünsche Dir und Deinen Lieben weiterhin gutes Gelingen!

    Herzliche Grüße Euch allen und hoffentlich bis bald wieder im Senegal Dörte

    Von meinem iPad gesendet

    >

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar