Der Tag danach

Gestern war das große Fest Tabaski, das Hammel-Fest. In den 2 -3 Wochen vor dem Fest wurde eine zunehmende Nervosität in Dakar spürbar. Der Verkehr war mörderisch, es gab Staus auf allen Strassen. Die Leute kümmerten sich um die persönlichen Besorgungen für das Fest, daneben lief kaum etwas. Die öffentlichen Dienste, die Administration, mein Mechaniker, sogar mein Personal hatten kaum noch etwas anders im Kopf als die Vorbereitungen für das Fest und den obligaten Kauf eine möglichst großen Hammels. Dieses Jahr waren die Schafe jedoch extrem teuer. Alles jammerte.

Schon vor Wochen hatte ich begonnen, mit meinem Personal den Tag vor zu bereiten. Ich kann den Betrieb des BnB herunterfahren, wir können nur ein Minimum machen, ich kann sogar die Zimmer sperren, damit wir keine Gäste haben, doch kann ich nicht gar kein Personal haben. Mindestens eine der Frauen sollte kommen und das Nötigste putzen. Dabei ist es praktisch, wenn das Team aus Christen und Muslimen besteht. Je nachdem, was für ein Festtag ist, können die anderen arbeiten. Auch dieses Jahr hatte ich es wieder knapp geschafft. Zwei meiner Angestellten waren bereit mich an diesem Tag zu unterstützen. Allerdings blieb ich dann die Nacht über allein im Haus. Der einzige Gast, der eingemietet war, verbrachte die Nacht außerhalb. Ich wartete bis 2h auf ihn….

Gegen 3h begann es heftig zu regnen. Ein heftiges Gewitter mit Sturmwind brauste über unser Haus. Als ich um 6h30 aufstand, war es draussen noch sehr dunkel. Und es regnete immer noch . Nicht heftig, doch leise und stetig. Als der erste Angestellte endlich, mit einer Stunde Verspätung angekommen war, ging ich mit Aika, meinem Hund, auf Pippi-Tour. Wir spazierten durch menschenleere Strassen. Kaum ein Mensch zu sehen, kein Auto weit und breit. Zudem mussten wir immer wieder umkehren, einen anderen Weg suchen, denn überall waren große Wasserlachen oder die Strasse hatte sich in einen kleinen Bach verwandelt. Auch in den Häusern rührte sich absolut nicht. Dabei wäre es doch heute ein ganz normaler Arbeitstag gewesen. Schon fast unheimlich diese ausgestorbenen Strassen, die stillen Häuser. Im Gegensatz zu gestern Nachmittag und vor allem Abends als sehr viel Betrieb gewesen war. Viele Autos, Leute auf den Strassen, bis spät in die Nacht. Ich stelle mir die Leute vor, wie sie gestern noch lange beieinander sassen, wie sie den ganzen Tag grilliertes Hammelfleisch gegessen hatten und nun sanft in ihren Betten den Schlaf der Gerechten schliefen.

Eigentlich sollte ich heute viel erledigen. Doch mit dem vielen Wasser und den Menschen, die heute bestimmt nicht zur Arbeit erschienen, war das ein hoffnungsloses Unterfangen. Also heißt es zu Hause bleiben und Bürokram zu erledigen. Auch gut.

Wieder zurück im Haus, stelle ich mit Erleichterung fest, dass alle, die heute arbeiten sollten, auch wirklich da sind. Zwar mit Verspätung, aber sie waren da. Ich hatte schon damit gerechnet, denn erstens waren die meisten Autos noch unterwegs im Landesinnern, so dass Dakar heute praktisch Autofrei war. Und zweitens war das Wasser sicher auch sehr hinderlich, nach einem solchen Regen wie letzte Nacht.

Ich muss gestehen, dass ich einiges an diesem Fest nicht nachvollziehen kann. Ich versuche zu verstehen, versuche Vergleiche zu machen. Für mich kann man das Tabaski-Fest in seiner Wichtigkeit vielleicht mit dem christlichen Weihnachten vergleichen. Auch bei uns wurde und wird vor Weihnachten der Stress enorm. Die Geschäfte machen einen riesen Umsatz, die Menschen geben viel Geld für meist Sinnloses aus. Genau so ist es hier auch. Das letzte Geld wird zusammen gekratzt, denn ein Schaf muss unbedingt gekauft werden. Das ist man sich und den Nachbarn unbedingt schuldig. Der Preis eines Schafes beläuft sich zwischen 150€ bis 3’000€ umgerechnet. Auch sonst wird je nach Geldbeutel sehr geprotzt. Ich habe dieses Jahr einige Frauen gesehen, die ein neues Auto erhalten haben. Erkennbar an den noch klebenden Zollaufklebern. Ganze Wohnzimmer- oder Schlafzimmer-Einrichtungen werden neu gekauft, die ganze Familie, vom Baby bis zum Greis, wird festlich neu eingekleidet. Es dürfen auf keinen Fall die Kleider vom letzten Tabaski sein, was würden denn die Leute sagen! Das Fest in einem bescheideneren Ramen feiern scheint unmöglich. Viele sind nach dem Fest praktisch bankrott.

Die ganze Stadt Dakar ist dieser Tage wie ausgestorben. Die Menschen und mit ihnen die Autos sind ins Landesinnere, in die Dörfer zu den Verwandten gefahren. Jetzt ist es ein Leichtes, ins Stadtzentrum zu fahren. Im Gegensatz zu vor dem Fest, sind die Strassen nun praktisch leer. Leider sind auch die meisten Geschäfte noch für Tage geschlossen. Nur ganz langsam erwacht die Riesenstadt wieder aus ihrem Tabaski-Traum. Der Alltag wird spätestens nächste Woche wieder den normalen Gang gehen. Bis dahin heißt es sich gedulden und wieder einmal mehr warten…..

13.09.2016  Mme Ruth

 

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